Gitzo macht die besten Carbon Stative, Oder???

Gitzo macht die besten Carbon Stative, Oder???
Bevor ich beginne will ich ganz kurz was zu meiner Stativhistorie sagen:
Mein erstes "richtiges" Stativ war wie bei vielen ein Manfrotto 055 (Alu), welches mich auch ein paar Jahre begleitet hat. Dann habe ich es im Laden (vor ca. 18 Jahren) mit einem Gitzo (222) verglichen.
Ergebnis war: Das Gitzo ist deutlich leichter, hat ein kleineres Packmaß, ist aber trotzdem mindestens genau so stabil.
Im Ergebnis war ich dann ein paar hundert Mark ärmer... Mit der Zeit kamen dann noch zwei weitere Gitzos dazu. Ein 126 als Reisestativ für Radtouren und Wanderungen und ein 322 für die schwereren Aufgaben. Bestückt mit dem Manfrotto 405 Getriebeneiger wog es über 5kg und war nichts was ich wirklich lange rum tragen wollte. So blieb mein Setup einige Jahre unverändert.
Dann kamen plötzlich Carbonstative auf. Aber ein kurzer Blick aufs Preisschild heilte schnell die Begehrlichkeit. Ein Carbon von Gitzo sollt über 1000€ kosten. Dazu kurierten Geschichten, dass das Material beim Transport schnell schaden nehmen könnte. Das erstickten die Lust darauf zusätzlich.
Trotzdem wollte auch ich diese leichten Carbon-Stative, und war ich eigentlich auch immer überzeugt von der Qualität der Gitzo Stative, so war mir klar, dass ein Stativ meinen unterschiedlichen Ansprüchen nicht genügen kann. Und zwei Gitzo Carbon Stativ zu kaufen, war erst recht einfach nicht darstellbar...
Irgend wann bin ich dann über Feisol gestolpert, und habe mein erstes Stativ (3442) noch selbst direkt aus Taiwan importiert.
Dieses war leichter wie mein bisheriges Reisestativ, aber so groß und mindestens so stabil wie mein 2er Alu Gitzo. Ich war echt begeistert. Allerdings fehlte mir der Vergleich zu einem Carbon Stativ von Gitzo. Kurz darauf besorgte ich mir noch ein größeres Feisol (erst 3471 welches ich 1/2 Jahr später auf der Photokina 2008 durch ein 3472LV ersetzte) und schickte auch mein 3er Alu-Gitzo in Rente.
So, jetzt hätte ja alles gut sein können, aber da kommt ein günstiges Angebot für ein Gitzo ins Haus...
Und damit das Gefühl : "Du warst immer super zufrieden mit Deinen Gitzos, die machen bestimmt auch die besten Carbon-Stative, ist schließlich Wertarbeit aus Europa..."
Na und nun ist es da, das GT3541LS und jetzt habe ich mal versucht zu vergleichen.
Der Fairness wegen muss ich noch darauf hin weisen, dass meine Feisols noch die ohne Verdrehschutz (Rapid) sind, also nicht die aktuelle Version.
Ich habe sie erst mal alle drei nebeneinander gestellt, und dann kann man erst mal feststellen, dass das 3541 von der Größe und von den Beindurchmessern ziemlich in der Mitte zwischen dem 3442 und dem 3472 liegt:
Das Gitzo hat einen oberen Rohrdurchmesser von 32mm, bei Feisol sind es 28mm bzw 37mm.
Nach Gitzo Klassifizierung wäre das 3442 ein Serie 2 und das 3472 ein Serie 4.
Dann fällt aber auch auf, dass das Gitzo von Beinsegment zu Beinsegment deutlicher dünner wird als die Feisols. So nimmt das Gitzo von einem Segment zum nächsten 4mm ab. Bei Feisol sind es nur 3mm.
Daraus ergibt sich, dass das Feisol 3422 am untersten Segment noch 19mm Durchmesser hat. Beim Gitzo sind es kaum mehr nämlich 20mm beim 3472 sind es 28mm!
Das lässt das große Feisol 3472 schon deutlich "fetter" da stehen wie das Gitzo 3541. Dabei ist das Gitzo kaum leichter. Das Feisol ist nur ca. 200g schwerer wie das Gitzo. (1,8kg vs 2kg).
Aber nur davon dass es fetter aussieht ist es ja nicht unbedingt stabiler...
Leider fehlt mir eine Idee wie ich jetzt sicher feststellen könnte welches Stativ stabiler ist.
Beim bloßen anfassen, an der Basis drehen usw. kann ich keinen wirklichen Unterschied feststellen. Für meine Zwecke sind beide auf jeden Fall ausreichend, aber die Logik sagt ein Stativ, welches oben 5mm und unten 8mm größeren Beindurchmesser hat muss einfach stabiler sein. (Wandstärke der Rohre ist bei beiden 1,0 mm) Und eine Gewichtseinsparung von nur 200g wiegt das bei gleichzeitigem Mehrpreis irgend wie nicht auf.
Das 3442 hingegen ist schon deutlich schwächer was sich insbesondere in der Basis zeigt. Aber das Feisol 3442 ist auch 600-700g leichter wie das Gitzo 3541...
Wie sieht es also mit der Verarbeitung aus:
Bei allen drei Stativen handelt es sich ja um solche mit auswechselbaren Mittelsäulen. Hierzu wird eine Platte (mit oder ohne Säule) in der Basis befestigt. Feisol benutzt dazu 3 Madenschrauben die in eine Kerbe der Platte greifen. Bei Gitzo wird ein starker Ring über eine Schraube zusammen gezogen.
Der Ansatz von Gitzo macht hier den deutlich stabileren Eindruck. ich hatte jedoch nie irgendwelche Probleme beim Feisol.
Da Gitzo an jedem Beinsegment 1mm mehr braucht als Feisol habe ich mir die Klemmvorrichtung mal genauer angesehen. Dabei fällt auf das bei Gitzo alles etwas dicker ist. Die Kunststoffgleiter die bei Gitzo aus weißem Teflon sind (bei Feisol aus einem schwarzen Kunsstoff welches imho kein PTFE ist) sind deutlich stärker, die Klemmeinheit ist fest mit dem Drehring verbunden (Bei Feisol sind das drei lose Ringe). Das Gewinde hat bei Gitzo eine deutlich größere Steigung. Alles keine Unterschiede die eine Unterschiedliche Performance zur Folge haben müssen. Das ist allerdings der Fall: Reicht bei Gitzo ein ganz leichtes Schließen der Ringe um das Bein fest zu arretieren, braucht man beim Feisol etwas mehr Kraft (beim 3442 noch mehr als beim 3472 was sicher am Durchmesser liegt). Dieser Unterschied ist spürbar aber in der Praxis nicht wirklich ausschlaggebend, da man auch beim Feisol keine enorme Kraft braucht um das Bein zu arretieren, nur eben deutlich mehr als beim Gitzo.
Ein Spiel oder Kippeln in der Verbindung der Segmente wenn diese Arretiert sind konnte ich bei beiden auch bei vollem Auszug nicht feststellen.
Die Anschläge für die Beine sind beim Gitzo mit diesem Schieber etwas fummelig einzustellen. Beim Feisol mit dem federnden Druckknopf ist das deutlich einfacher. Allerdings erscheint diese Lösung weniger kräftig zu sein.
Vergleiche ich zusammenfassend
das Gitzo3541 mit dem Feisol3472
so sind nach meinem Eindruck die
Beine des Feisols stabiler, aber die
Basis ist beim Gitzo überzeugender.
Zusammengenommen nehmen die
sich nicht viel.
Beim Vergleich zum Feisol3442
kann das Gitzo bei den Beinen
kaum punkten, aber der unterschied
in der Basis ist dann doch deutlich,
was zu einem insgesamt stabileren
Stativ führt, was bei diesem Preis-
und Gewichtsunterschied auch
einfach zu erwarten ist.
Und noch etwas Stativesoterik:
Klopft man mit dem Fingerknöchel
auf das Bein des Gitzos, so gibt es
ein tiefes Klock. Es klingt als würde
man auf einen Holzstab klopfen.
Klopft man auf das Bein der
Feisol Stative so gibt das einen
deutlich helleren Ton. Eher als
würde man auf ein Alurohr klopfen.
Der ein oder andere mag darin
eine bessere Schwingungsabsorption
erkennen. Vielleicht hat Gitzo aber
auch einfach die besseren
Akustik-Ingenieure..
Fazit:
Die Unterschiede zwischen dem Gitzo und den Feisols sind nur im Detail zu finden, und dass die beiden Hersteller mal wieder so gebaut haben, dass die Stative nicht 100%ig vergleichbar sind macht es nicht einfacher: Das 3442 und das 3472 entsprechen vom Aufbau (herausnehmbare Säule) ja der Systematic Reihe von Gitzo. Die Beindurchmesser entsprechen dabei in etwa dem was bei Gitzo der Serie 2 und der Serie 4 entspricht. Gitzo hat aber weder für Serie 2 noch für Serie 4 ein Systematic-Carbon-Stativ im Programm, sondern nur für Serie 3 und 5.
Dass das Serie 3 Gitzo jetzt stabiler ist als ein „Serie 2“ Feisol und eher schwächer als ein „Serie 4“ Feisol ist damit einfach zu erwarten...
Dabei gewinne ich den Eindruck, dass wenn es ein vergleichbares Stativ von Gitzo und Feisol gäbe, das Feisol leichter wäre, das Gitzo vor allen in der Basis aber stabiler. Und man bei der Rechnung Gewicht gegen Stabilität ungefähr aufs selbe raus kommt...
Das Gitzo hinterlässt auf mich im Ganzen irgend wie den besseren Eindruck, obwohl ich da nicht konkret den Finger drauf legen kann...
In einigen Detaillösungen ist das Gitzo dann deutlich besser. Z.B. die Spikes von Feisol sind einfach schrecklich. Hier hat Gitzo deutlich bessere Lösungen zu bieten, aber zum Glück für alle Feisol Besitzer kann man mit einem passenden Adapter auch die Gitzo Spikes ans Feisol machen..